Matterhorn

Mythosberg Matterhorn. Jeder Bergsteiger kennt seine Anziehungskraft, seine Silhouette ist unter allen alpinen Bildern mit Sicherheit die berühmteste. Jetzt war’s auch für mich an der Zeit:

Freitag, 6. Juli: Dank Verena und Luki kann ich Montag bis Mittwoch freinehmen, die Wettervorhersage für südliches Wallis bzw Monte Rosa konnte besser nicht sein. Doch Peter, wir wollten das gemeinsam machen, kann nicht mitkommen. Ein bisschen schlechtes Gewissen gegenüber dem Freund aber Zeitfenster, Wettervorschau und vor allem die Anziehungskraft dieses magischen Berges waren stärker.

So bin ich am Samstagabend schließlich alleine losgefahren und Sonntagmittag in Cervinia angekommen. Als Liebhaber der italienischen Bergkultur stand natürlich die Überschreitung des Monte Cervino (ital. Name des Matterhorns) am Plan. Die Ernüchterung kam schon während der Anreise. Ein kurzes Telefonat mit dem Bergführerbüro in Cervinia genügte: Der Liongrat ist tief verschneit und die lokalen Bergführer werden nicht vor Ende Juli gehen und ihres Wissens wurde er diese Saison noch gar nicht gemacht. Also nix für (m)einen Alleingang. Egal, wird’s halt ein bissl komplizierter.

Sonntag 8. Juli: Erst mal ist Höhenluft angesagt, daher Seilbahnfahrt zur Testa Grigia, 3.500m und Nächtigung am dortigen Rifugio guide del cervino.

Montag 9. Juli: Start um 6:00 vorbei am Klein Matterhorn zum Gipfel des Breithorn 4.149m. Die Gesamtüberschreitung war sehr verlockend, doch angesichts meiner Pläne hab ich’s bei der kleinen Gipfelrunde belassen. Um 8:00, also noch rechtzeitig vor dem großen Ansturm auf den wohl am leichtesten erreichbaren 4.000er der Alpen machte ich mich auf den Rückweg und investierte chf 47.00 in ein Seilbahnticket vom Klein Matterhorn zum Schwarzsee. Von dort in 1,5h zur Hörnlihütte. Jeder kennt sie, die Schauergeschichten über die wohl teuerste Berghütte der Welt. Ja, auch ich wollte von Süden kommend nur im Abstieg an ihr vorbeigehen. Hier (meine) wichtigsten Erkenntnisse: Hüttenwirt Kurt Lauber und sein Team sind superfreundlich und top organisiert. Alles hat Struktur und man fühlt sich von Anfang an wohl. chf 150.00 für Nächtigung mit HP sind selbst für schweizer Verhältnisse sauteuer, keine Frage. Nur, mit Ausnahme der Bergführer kommt wohl fast jeder nur einmal hierher. Diese Bergführer bekommen übrigens eine großzügige Ermäßigung iHv chf 10.00. Mehr ist auch nicht nötig, bezahlt ja eh sein Gast. Und dem wird das angesichts der rd. chf 1.250.00 Bergführerhonorar auch schon egal sein.

Dienstag 10. Juli: Um 3:30 gibt’s Frühstück und um 3:50 öffnet die Pforte. Und zwar zuerst für die local guides mit ihren Gästen, dann die anderen Bergführer und schließlich der Rest. Und das ist gut so! Die Zermatter Bergführer kennen auch im Finstern jeden Tritt und jeden Griff, sodaß Ortsfremde oder gar Matterhorn-Neulinge wie ich sowieso nicht mitkönnen. Nach 5 Minuten Warmlaufen kommt’s an der Einstiegswand zu einem kurzen Stau, danach verläuft sich Alles von selber. Dank meiner Erkundungstour bis auf rd. 3.800m am Vortag gelingt die Orientierung im Dunkeln recht gut. Einige, die das nicht getan haben, darunter auch ortsfremde Bergführer, haben da gleich zu Beginn viel Zeit und zweifellos auch Nerven liegen gelassen. Die Kletterei ist technisch nie wirklich knifflig und, wenn man am richtigen Weg ist, auch überraschend kompakt. Genau das ist auch die größte Herausforderung. 3 Meter neben der Ideallinie wird das Matterhorn seinem Ruf gerecht und brandgefährlich. Übersichtlicher wird’s erst ab dem Solvay-Biwak auf rd 4.000m. Wer sich die Sucherei bis dorthin ersparen möchte, sollte sich einen Zermatter Bergführer leisten. Aber Vorsicht: Damit lassen sich zwar alpinistische Fähigkeiten, Orientierung und Seilsicherheit erkaufen, nicht jedoch Kondition und Akklimatisation. Für diejenigen, die’s zum Solvay Biwak nicht in 2,5 Stunden schaffen, ist genau dort Endstation. Nach dem Biwak geht’s dann in sehr schöner Gratkletterei bis zur markanten Schulter. Nach dem Schulterfirnfeld folgt der sehr steile Grat zum Gipfelaufbau. Obwohl mit Fixseil versehen war dies meines Erachtens der heikelste Teil der gesamten Tour. Neben schwindenden Kräften, Klettern mit schweren Bergschuhen und Steigeisen sowie der ungewohnten Höhe kommen von oben schon die ersten Absteiger entgegen. Da kommen Eisbrocken geflogen, dicht gefolgt von deren Auslösern, die mit ihren Steigeisen voran wie Geschosse von ihren Führern nach unten gelassen werden. Mit etwas Geduld läßt sich auch diese Hürde gut überwinden und nach weiteren 200hm in steilem aber gutmütigem Firn ist mit dem Schweizer Gipfel der höchste Punkt erreicht. Der Abstieg am gleichen Weg erfordert nochmal volle Konzentration. An den beiden Moseleyplatten und im Gebiss hat sich die Mitnahme eines Seils gelohnt. Ansonsten ist Abseilen wenig sinnvoll und sollte wegen Steinschlaggefahr auch nicht gemacht werden. Bei der Hörnlihütte angekommen genügte ein kurzer Blick zum geplanten Rückweg unter der Matterhorn Ostwand über das Breuiljoch nach Cervinia um diesen auch wegen Eisschlaggefahr gleich wieder zu verwerfen. Also runter zum Schwarzsee, mit der Seilbahn zum Kleinmatterhorn und rüber zur Testa Grigia um mit der Seilbahn nach Cervinia runterzufahren. 16.00 an der Bergstation war leider 15 min zu spät, was mir noch rd 2.000 weiter Höhenmeter Abstieg bescherte. Mit dem ermunternden Kommentar meiner Frau Gabi (‚du wolltest eh wieder mal was Langes machen‘) und dem Gipfelglück im Gepäck war auch das kein wirkliches Problem mehr.

Weil öfter angesprochen, hier noch mein Fazit zum Thema Alleingang:

Auch wenn unter den Topthemen unter den vorabendlichen Tischgesprächen: Wer nicht sehr sicher im 3. Grad rauf- und runterklettern kann, sollte diese Tour ohnehin nur mit ortskundigem Bergführer angehen. Durch den Wegfall von Seilhandling und -partner konnte ich mich voll auf mich selber konzentrieren. Und die zahlreichen Unfälle bestätigen: 1.200hm Kletterei in absolutem Absturzgelände lassen sich bei weitem nicht 100%ig absichern.

Das ist natürlich sehr subjektiv. Über das Thema Risiko und Eigenverantwortung sollte ja sowieso jeder Bergsteiger selber nachdenken 😉

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christoph